4. Kampftag: KSV Aalen - SV Luftfahrt 16:18

Wahr und Gut und Schön!    

Video 1.Halbzeit   Video 2.Halbzeit

Das Team wollte sich finden, sich „einringen“ für die wichtigen Begegnungen in den nächsten Wochen. Der Blick war eher darauf gerichtet, wie jeder Einzelne ringt und wie man sich in dieser Formation als Team zusammen findet.

Nach der Waage wurde dann doch schon ein bisschen gerechnet, getreu dem Motto: „Wie es theoretisch laufen müsste…“ Es lief völlig anders, als selbst in den kühnsten Träumen nur vorstellbar. Heraus kam ein historisches Match für den SV Luftfahrt, was keiner der anwesenden Akteure jemals vergessen wird.

An den Rumänen Adrian Mosa kommt Sven Cammin (55kg FR) ran, aber halt nicht vorbei. Der Aalener erwies sich als physisch dominant und taktisch ausgebufft. Sven ging in der zweiten und dritten Runde zwar in Führung, aber er konnte  es nicht über die Zeit retten. Der Kampf ging mit diesem Ausgang absolut in Ordnung, aus Luftfahrtsicht passte es allerdings überhaupt nicht in den (theoretischen) Kram – 0:3 Rundenniederlage (0:1/1:2/1:2) – Stand 0:3.

Marcin Olejniczak (120kg GR) geht als Ersatz für den verletzten Ricardo Melz auf die Matte und sorgte für einen elektrisierenden Impuls für das Team. Ralf Böhringer auf Aalener Seite war ohne jeden Zweifel absolut überlegen, allerdings gepaart mit einem Touch zu viel „Selbstläuferdenken“. Dieser Kampf war eigentlich partout nicht zu gewinnen, dass wusste auch Marcin, trotzdem gelang ihm ein taktischer Geniestreich: Erste Runde Rolle abgegeben. Zweite Runde, Böhringer wählt die Unterlage, völlig unerwartet und überraschend der Zweier per Rolle für Marcin. Bis dato war sein Kampfziel schon übererfüllt. In Runde Drei dann die Verwarnungseins gegen den Aalener wegen wiederholter Beinarbeit im Standkampf. In Runde vier taktische Cleverness pur: Marcin gibt „freiwillig“ die Eins im Standkampf ab, um Luft zu bekommen, da sein Gegner umgehend jeden Offensivdrang einstellte und sich in sicheres Fahrwasser begab. Kein Aktion im Boden, hoch in den Stand, 15 Sekunden Zeit, Rammelaktion an die Hüfte… und er fiel! Die Luftfahrtecke flippte erstmals völlig aus, selbst das Aalener Publikum honorierte Marcin’s auf Risko basierende Meisterleistung – 3:1 Rundensieg (0:2/2:0/1:0/1:1) – Stand 3:4.

Norbert Pal (60kg GR) bringt sehr viel mit. Er ist technisch sehr stark, allerdings muss er sich an das Ligaringer erst gewöhnen. Es sind alldieweil taktische Nuancen, die er noch lernen muss. In Runde Eins und Drei gelang ihm als Obermann in der Bodenrunde keine technische Wertung. Sehr kompliziert war die Wertungsvergabe in Runde Zwei: Der Aalener Oliver Hug hob gefährlich aus, Norbert balancierte in luftiger Höhe die Situation bravourös aus, trotzdem gab es die Einserwertung für den Gastgeber. Schade, gerade weil die besagte Theorie anderes geplant hatte! – 0:3 Rundenniederlage (0:1/0:1/0:1) – Stand 3:7.

Erstmals im Luftfahrttrikot stand Radoslaw Baran (96kg FR) und hatte mit dem Georgier Dato Kerashvili vielleicht die undankbarste und unlösbarste Aufgabe überhaupt zu bewältigen. Radek, eher der Fraktion „Babyface“ zuzuordnen, sollte gegen den bis dahin ungeschlagenen Siegringer der Ostalbbären eigentlich sein blaues Wunder erleben. Es gab ein Wunder und zwar ein Luftfahrtblaues! Erste Runde klare Sache für den Gastgeber. Riesen Respekt in Runde Zwei an den Kampfrichter, der im Nachgang die Wertungsvergabe am Kampfrichtertisch zu Gunsten für Luftfahrt änderte, weil er einfach im ersten Moment eine knifflige Situation falsch interpretierte. So etwas sieht man (leider) viel zu selten, dass ein Kampfrichter Fehler eingesteht und diese berichtigt – Respekt! Radek gewinnt mit einer Dreiwertung durch einen Beinangriff so die Runde. Mit dieser nie geglaubten Runde herrschte schon jetzt Ausnahmezustand in der blauen Ecke. Es sollte aber noch besser kommen: Radek geht mit seinem Gegner einen gefährlichen Zwiegriff ein und – ja! -  er schafft etwas, was eigentlich auf diesem Level nicht gehen kann: Wurf über Brust und Schultersieg! (Wer es nicht glaubt: Video - Zeitindex: 0:30min). Gefühle in dieser Situation zu beschreiben ist nicht möglich – 4:0 Schultersieg (0:1/3:3/3:0) – Stand 7:7.

Eigentlich musste das Pulver fürs Luftfahrtteam verschossen sein – normaler Weise. An diesem Abend war halt nichts „normal“. Rafal Statkiewicz (66kg FR) wurde nach den ersten beiden Saisonkämpfen von der Teamleitung aus dem Rennen genommen, er war einfach nach Junioren EM und WM platt und konnte sein Potential nicht abrufen. 4 Wochen Pause und Regeneration! Das in ihn gesteckte Vertrauen zahlte er dem Team mehrfach zurück! Gegen den Bulgaren Ismael Redzhep, der sich gerne im Segment Weltklasse ansiedelt, wurden ihm im Vorfeld trotzdem kaum Chancen eingeräumt. Runde Eins: Zwiegriff – verloren. In Runde Zwei deutete sich schon irgendetwas an – trotzdem verloren. Redzhep schien fertig zu sein, Rafal fing langsam an die Suppe aufzukochen. Der 19jährige Pole begann der ganzen Sache Salz und Pfeffer beizumischen – ganz nach dem Geschmack der Luftfahrtecke… Im dritten Menugang servierte Rafal ein 9:1 in der fünften Ringkampfrunde und rein sportlich gesehen einen 13 Punktevorsprung. Rauschzustand! – 4:2 Überlegenheit (0:1/0:1/4:0/4:1/9:1) – Pausenstand 11:9.

Ein Mannschaftssieg war nun möglich, dazu durfte Tom Linke (84kg GR) gegen den Vizeeuropameister Ramsin Azizsir keinen 4er abgeben. Tom war sich seiner Aufgabe bewusst und parierte. Dem durchweg besseren Aalener gelang nicht die Überlegenheit zu erringen. Tom wurde trotz einer Niederlage toll vom Team getragen und abgeklatscht, gerade auch weil die Niederlage in der Art und Weise moralisch wertvoll war – 0:3 Rundenniederlage (0:2/0:1/0:4) – Stand 11:12.

Gastgeschenk dankend angenommen! Bakar Achmerzaev (66kg GR) nimmt kampflos die Punkte mit – 4:0 kampflos – Stand 15:12.

Marcel Redmann (84kg FR) traf auf einen sehr abgeklärten Deutschen Juniorenmeister Pascal Koch. Wie schon bei Sven Cammin trifft auf Marcel die gleiche Aussage zu: Dran sein ist gut - vorbei sein bringt aber Punkte. Besonders in den ersten beiden Runden ging es äußerst knapp zu. Der Aalener erwies sich in den entscheidenden Situationen als schlagkräftiger. Hier wäre eine Runde Goldwert gewesen – 0:3 Rundenniederlage (0:3/0:1/0:2) – Stand 15:15.

Er ist wieder an Bord – Adam Sobieraj (74kg FR), zwar arg geschunden durch die Weltmeisterschaften, aber er signalisierte, dass das Team auf ihn zählen kann. Gegen Benjamin Sezgin wusste Adam genau um was es geht. Seine Kampfweise war ausschließlich auf Ergebnis focusiert. Getragen von einer Euphoriewelle schaukelte er drei Runden in die Luftfahrtecke – 3:0 Rundensieg (4:0/1:0/1:0) – Stand 18:15.

Nur noch ein Kampf und das Luftfahrtwunder ist perfekt! Martin Szabo (74kg GR) war instruiert: Eine Runde musste her und – bitte - nirgendwo rein laufen. Bereits in Runde Eins war es soweit: Martin musste in die Unterlage, um sich allerdings postwendend per Heber in schwindligen Höhen wieder zu finden. Mit fantastischem Bewegungsgefühl verhinderte er den Wurfversuch von Balint Korpasi und holte die so entscheidende Runde. Jetzt hieß es nur noch Überlegenheit und Schulterniederlage verhindern. Ein extrem spannendes und zehrendes taktisches Gemetzel. Martin lies keine Wertung mehr zu und erkämpfte eine „taktische“ Niederlage, die den Mannschaftssieg bedeutete – 0:1 Niederlage (1:0/0:1/0:1/0:1) – Endstand 18:16.

Es war vollbracht – unglaublich aber wahr! Das gesamte Team zeigte Charakter, gerade weil der prognostizierte Kampfverlauf nicht eingetreten ist. Der SV Luftfahrt knackte die Bänke des KSV Aalen, womit auch insgeheim keiner rechnen konnte.

Für den SV Luftfahrt ist dieser Sieg ein Fall für die Geschichtsbücher.