6. Kampftag: Johannis Nürnberg - SV Luftfahrt 15:18
Den „Nürnberg-Komplex“ abgelegt
Den selbst auferlegten Anspruch mindestens einen Kampf am Doppelkampfwochenende zu gewinnen, hat das Bundesligateam bereits am Samstag gegen Lichtenfels erfüllt. Am Montagnachmittag wollte man sich nun keineswegs gehen lassen und gegen Johannis Nürnberg, wo es in den letzten 2 Jahren zum Teil ganz bittere Niederlagen gab, nachlegen und den dritten Sieg in Folge holen. Einige unserer Ringer waren gesundheitlich angeschlagen und konnten nicht mit Topleistung aufwarten, was aber durch eine gut funktionierende Gemeinschaft und Teamgeist kompensiert wurde.
Der gegen Nürnberg so zwingend notwendige Erfolg im
Fliegengewicht kann nicht deutlich genug betont werden. Sven Cammin (55kg FR) hatte in der letzten Saison gegen Fabian Schmitt, trotz späterem
Schultersieg, ziemlich schlecht ausgesehen. An diesem Montagnachmittag funktionierte
Sven wie ein Uhrwerk. Die erste Runde gewann er klar. Im zweiten Durchgang war
kein Durchkommen möglich. Der Zwiegriff musste entscheiden, den sein Gegner
fassen und gewinnen konnte. Dritte und vierte Runde lief dann wieder alles für
Sven. Luftfahrts Fliegengewicht hatte ein persönlich sehr schweres
Ausnahmewochenende hinter sich, darum nahm es ihm auch Keiner nur ansatzweise
übel, dass die technische Überlegenheit mit der letzten Wertung futsch war –
Respekt! – 3:1 Rundensieg (4:0/0:1/5:0/3:1) – Stand 3:1.
Marcin Olejniczak (120kg GR) war von vornherein für den Montag geplant. Er plagte sich die Woche über mit einem grippalen Infekt rum und fühlte sich über das gesamte Wochenende hinweg nicht wirklich fit. Gegen Philipp Vanek wählte er eine ökonomische und kraftschonende Kampfweise. In keiner Situation brannte wirklich etwas an. Selbst das Erringen eines technischen Punktes blieb ihm erspart, denn der Nürnberger bestrafte sich mit wiederholt unkorrekter Bankstellung selbst und kassierte eine Verwarnungszwei – 3:0 Rundensieg (1:0/2:0/1:0) – Stand 6:1.
Über zwei Tage das Kampfgewicht halten, war für Norbert Pal (60kg GR) sehr ungewohnt, darum hing er zum Ende des Kampfes auch tüchtig in den Seilen. Sein Gegner Tim Schleicher rang unter Volldampf und probierte Norbert zu zermürben. Er aber hielt stand und kam selbst zur ein oder anderen Kontersituation, die aber leider nicht zu Punkten führte – 0:3 Rundenniederlage (0:2/0:1/0:1) – Stand 6:4.
Bei Halbschwergewichtler Radek Baran (96kg FR) sticht eine Charaktereigenschaft besonders hervor: Er sieht alles nicht ganz so verbissen. Vielleicht ist es diese Eigenschaft, die ihn so locker und leichtfüßig auf der Matte wirken lässt und zumal ihm dann auch noch alles gelingt. Er nimmt sich gegen Fabian Appel sogar die Zeit, Dampf aus dem Kampf zu nehmen, um den einen oder anderen Augenzwinker Richtung Luftfahrtecke zu senden. …und wenn der Gegner sich dann doch mal fast sicher ist eine Wertung ergattert zu haben, dann klingt man halt in größter Bedrängnis eine fantastische Beinschleuder aus – wie geschehen in Runde zwei. Sein Gegner war spätestens nach dieser wunderbaren Technik gebrochen – 4:0 Überlegenheit (7:0/6:0/5:0) – Stand 10:4.
Es folgte aus Luftfahrtsicht der eigentliche
Schlüsselkampf. Rafal Statkiewicz (66kg FR) gegen
Mario Besold. Es wurde ein Desaster für Rafal und für das Team. Sein
Gesundheitszustand machte ihm und uns einen Strich durch die Rechnung. Er
klagte schon Sonntag über Unwohlsein und Halsschmerzen, er fühlte sich fiebrig
und schwach. Er wollte sich trotzdem zusammenreißen und alles geben. Auf der
Matte lief aber rein gar nichts zusammen, Rafal war völlig kraftlos. Wie er die
eine Runde holte, weiß er selber nicht so genau – 1:4 Überlegenheit
(1:4/2:0/0:6/2:8) – Pausenstand 11:8.
„Oh man, jetzt geht es eigentlich nicht mehr“ waren die bestimmenden Gedanken in der Pause. Aber was ist der Unterschied zur Saison 2010 und was hat das Team schon vor der WM-Pause immer wieder gezeigt(?): Aufgeben zählt nicht, es wird bis zur letzten Sekunde gekämpft, kein Kampf ist verloren! Einer im Team hat nun mal, egal aus welchen Gründen auch immer, geschwächelt, also ist das gesamte Team da, um das gemeinschaftlich zu reparieren!
Am Samstag war es Bakar Achmerzaev, der für eine psychologische Initialzündung sorgte, diesmal war es Tom Linke (84kg GR). Er machte sich daran das Team wieder in die Erfolgsspur zu manövrieren. Es war ein gigantischer körperlicher Kraftakt, den Tom gegen den Ungarn Andras Horvath leistete, um die taktische Vorgabe zu erfüllen. In Runde eins wehrte Tom in der Bodenlage den Rollenversuch des Ungarn ab. Danach wählte Horvath selbst die Bodenunterlage, die wiederum Tom nicht nutzen konnte. Ab hier schien sich die taktische Überlegung eines 1:0 oder 0:1 Ergebnisses doch in den realistischen Bereich zu bewegen. Voraussetzung war, dass Tom zumindest keine technische Wertung abgeben durfte. Auch wenn es in jeder Faser seines Körpers schmerzte und zog, aber er packte es. Er holte zwar keinen Mannschaftspunkt, aber er verhinderte, dass sein Gegner zwei bekam – 0:1 Niederlage (1:0/0:1/0:1/0:1) – Stand 11:9.
Bakar Achmerzaev (66kg GR) musste gegen den starken Sven Dürmeier ran. Bakar war nach dem Samstagkampf auch am Montag gut aufgelegt. Sein Gegner hatte auch alle Mühe ihm in der ersten Runde die Rolle abzuknöpfen. Bakar roch daraufhin Lunte vielleicht im Boden eine Runde zu halten. Sein Gegner lies es dazu leider nicht mehr kommen, da er selbst die Unterlage wählte, um dort seine Stärke auszuspielen – 0:3 Rundenniederlage (0:1/0:1/0:1) – Stand 11:12.
Eine Bärenjob musste Lars-Erik Eichler (84kg FR) gegen den 9kg schwereren und physisch überlegenen Christoph Pscherer erledigen. Sein Auftrag lautete: Kein 4er durfte weg! Lars zeigte sich, anders noch als Samstag, höchst konzentriert und taktisch fit. Er lies kaum Angriffe zu, womit sein Gegner zu rabiateren Mitteln in Form von Nackenkellen und Kopfstößen griff. Das Ergebnis dieser Aktionen: eine dicke Platzwunde am Hinterkopf von Lars, viel Blut, aber halt nur zwei Punkte im mittleren Kampfdurchgang. Mit einem ordentlichen Turban versehen, ging es in die dritte Runde, in der sich Lars theoretisch sogar ein 0:6 erlauben konnte. Lars hielt dem Druck bravourös stand und hatte moralisch einen hohen Anteil am Gesamterfolg – 0:3 Rundenniederlage (0:1/0:2/0:4) – Stand 11:15.
Theoretisch war ein Sieg möglich. Drei sichere Runden
von Adam Sobieraj (74kg FR) musste gegen Marc Pöhlmann
her, mehr ging nicht gegen den sehr stabilen Nürnberger Kämpfer. Adam vermied
jegliche Risikotechnik, um eventuell nicht doch ins Hintertreffen zu gelangen.
Die eh schon aggressive Stimmung des Nürnberger Publikums in der Wettkampfarena
gegenüber unserem Team spitzte sich zu, denn mit Adams Sieg verkürzte sich der
Punktvorsprung der Gastgeber auf einen Punkt – 3:0 Rundensieg (1:0/2:0/2:1) –
Stand 14:15.
Der letzte Kampf musste es richten. Martin Szabo (74kg GR) gegen Alexandar Maksimovic. Im Vorfeld wurden Martin eher Außenseiterchancen eingeräumt, zu stark schien der Serbe, immerhin ist er Bronzemedaillengewinner bei der EM in Dortmund im Frühjahr. Martin ist mittlerweile im Team angekommen und gut integriert. Auch er spürt die Energie und den Willen, die momentan in dieser Truppe steckt. Toll vom Team getragen und unterstützt wuchs Martin über sich. Im Kampf selbst zeigte er, dass er anscheinend Nerven wie Drahtseile besitzt, ihn konnte nichts aus der Ruhe bringen. In Runde eins hielt er dem beinharten und durchaus sichtlich schmerzvollen Rollversuch des Serben stand – Rundengewinn. Im zweiten Durchgang umgekehrte Situation. Als Obermann versuchte Martin zu heben, aber der Serbe flüchtete erfolgreich, die Luftfahrtecke reklamierte hier schon auf Mattenflucht. Dritte Runde, gleiche Situation, nur diesmal kam die Verwarnung zu Gunsten von Martin. Maksimovic begann mit dem Kampfrichter zu hadern, was die Stimmung in der Halle zusätzlich anheizte.
In der entscheidenden vierten Runde knallte es dann: Martins Gegner schon zweimal wegen zu harter Kopfarbeit ermahnt, kassierte zu Recht beim dritten Mal die Verwarnung. Martin hatte nun die Trümpfe in der Hand. Sein Gegner begann zu stürmen, Martin nutzte die Situation: Er tauchte zur Hüfte des Serben ab und warf ihm per Dreierwertung nach Außerhalb – Riesenjubel und einige Freudentränen in der Luftfahrtecke. Im gleichen Moment ging Martins Gegner den Kampfrichter an, der sich nur mit der roten Karte wehren konnte. Teile des Nürnberger Publikums stürmten daraufhin die Matte und gingen ebenfalls auf den Kampfrichter los. Tumultartige Zustände, viele Aggressionen auch gegen unser Team. Erst viele Minuten später wurde Martin zum Sieger erklärt – 4:0 Disqualifikation (1:0/0:1/1:0/4:0) – Endstand 18:15.
Unsere Mannschaft gewann, das erste Mal überhaupt, in einem überaus dramatischen Match gegen Johannis Nürnberg.
Das Bundesligateam macht hinter diesem langen Wochenende ein dickes fettes Ausrufezeichen.
Noch eine Erfahrung konnte das Team und Umfeld aus diesen Tagen mitnehmen: Im letzten Jahr waren Doppelkampftage sehr von Strapazen geprägt, die ordentlich an die Substanz gingen. Grundsätzlich hat sich daran nichts geändert, allerdings mit einem kleinen Unterschied, was die Strapazen nicht spürbar machen lassen: Glückshormone!







