Halbzeitbilanz - 1. Bundesliga 2011
Halbzeitbilanz
Die erste Halbserie in der 1. Bundesliga ist beendet – Zeit für ein Zwischenfazit.
„Wo werden die „Luftfkutscher“ hinsteuern“, ist die jährlich wiederkehrende und eher philosophisch zu betrachtende Frage vor Saisonbeginn. Aus den Rückschlüssen der Vorsaison waren die Verantwortungsträger der Meinung sich gut auf die erste „echte“ Erstligasaison vorbereitet zu haben. Als Zielstellung galt und gilt immer noch das Erreichen des Klassenerhalts. Nachdem die Kaderkarten aller Teams im Sommer offen gelegt wurden, bestätigte sich die Vermutung, dass es ein beinharter Kampf in Sachen Klassenerhalt werden wird.
Nach der bitteren 3:30 Packung gegen den 1.
Luckenwalder SC vor heimischer Kulisse herrschte gleich am ersten Kampftag pure
Ratlosigkeit und Ernüchterung. Dieses desolate Ergebnis gab zusätzlich Wasser
auf die Mühlen der Pessimisten und Kritiker des Teams. Das sich ganz nebenbei
auch noch mit Lukasz Dublinowski und Mirco Redmann zwei Stammkräfte gleich am
ersten Kampftag verletzten, lies ganz graue Wolken für den weiteren Saisonverlauf
aufziehen.
Der Auftritt am 1. Kampftag sollte allerdings der bis dato einzige dieser Art gewesen sein. Zwar setzte es an den beiden folgenden Kampftagen in Thalheim und zu Hause gegen Burghausen Niederlagen, jedoch machten die beiden Auftritte in ihrer Art und Weise Mut und Hoffung. Das Team präsentierte sich als Gemeinschaft, das anfing um jeden Zentimeter auf der Matte zu kämpfen. Kein Einzelduell wurde von vornherein als verloren angesehen. Mit dieser famosen Einstellung konnte, trotz unterlegener Formation, beim Herbstmeister Wacker Burghausen die eine oder andere Schweißperle auf der Stirn ausgemacht werden. Bei der Teamleitung machte sich leise Hoffung breit, dass in den entscheidenden Kämpfen nach der Weltmeisterschaftspause doch etwas gerissen werden kann.
"Big Bang" in Aalen
KSV-Präsident Edmund Weizmann erwähnte es mit einer Portion Zerknirschtheit lieber gleich selber: „Ich habe immer wieder Luftfahrt Berlin genannt, als ich argumentiert habe, dass die Ost-Gruppe längst nicht so attraktiv ist wie die West-Bundesliga . . .“ Nun hat der KSV Aalen gegen eben diese Mannschaft, die von den Play-Offs nur träumen kann, die erste Niederlage in der Ost-Bundesliga kassiert – zuhause. Es war ein Warnschuss, und zwar ein schmerzhafter: „Eine Niederlage gegen Luftfahrt Berlin, die muss ich erst verdauen“, sagte KSV-Trainer Anton Nuding. (Quelle: Schwäbische Post, 28.09.11)
Gleich im ersten Kampf nach der WM-Pause kam es zum absoluten „Big Bang“. Unser Bundesligateam kam zum völlig unerwarteten Sieg (18:16) beim Ligakrösus KSV Aalen, der aber gerade in Hinblick auf die kämpferische Einstellung alles andere als unverdient war.
Am folgenden Doppelkampftag bewies unsere Equipe, dass der Sieg in Aalen keine Eintagsfliege war. In zwei spannenden Begegnungen konnte der AC Lichtenfels vor heimischer Kulisse und endlich auch Johannis Nürnberg geschlagen werden. Mit einem Satz katapultierte sich das Team vom letzten auf den sechsten Tabellenplatz und bestätigte einmal mehr das funktionierendes Teamplay mehr bringt als eine Scharr von Einzelkönnern.
Bei aller Freude und Euphorie, aber im Heimkampf gegen den SV Hallbergmoos wurde dem Team allerdings wieder vorgeführt, dass Erfolg und Misserfolg in der 1.Bundesliga eine Gratwanderung auf Messers Schneide ist. Nicht ausschlaggebend, aber mit Sicherheit beeinflussend war die mangelnde Unterstützung durch das Publikum an jenem Samstagabend. Zur Analyse nach dem „Warum? Weshalb? Wieso?“ ist derzeit der Vereinsvorstand gefordert.
Beim letzten Hinrundenaufritt beim SV Untergriesbach
kam das Team nicht über ein 19:19 hinaus. Gesundheitlich arg gebeutelt, musste
das Team einen Punkt in der Ferne lassen. Aber auch hier zeigte sich, dass
trotz schlechter Umstände mit hohen gemeinschaftlichen Einsatzwillen vieles
möglich ist. In diesem Fall konnte gerettet werden was zu retten möglich war.
Das Schüren eines intakten und verschworenen Mannschaftsklimas genoss, neben der individuell sportlichen Vorbereitung jedes Einzelnen, höchsten Stellenwert in der Vorbereitung und zu Saisonbeginn. Mit einem funktionierenden Umfeld gelang es in kürzester Zeit unsere Neuzugänge zu integrieren.
Teamplay vs. Einzelkönner
Als wahrer Glücksgriff sind nach der ersten Halbserie die Verpflichtungen von Radek Baran und Martin Szabo zu bezeichnen. Radek Baran blieb in allen seinen Kämpfen ungeschlagen und hat sich wie aus dem Nichts gleich als einer der besten Halbschwergewichtler der Liga etabliert. Er ist nicht nur sportlich ein Knaller, sondern auch charakterlich eine nicht mehr wegzudenkende Frohnatur.
Martin Szabo hat in allen seinen Kämpfen bewiesen, dass er die extrem schwere Bürde
„des letzten Ringers, der alles entscheiden muss“, tragen kann. Bis auf die
„befohlene“ taktische Niederlage in Aalen, die er selbst als „Loosing for the
winning team!“ bezeichnete, blieb er in allen seinen Mattenduellen siegreich.
Viel wichtiger als seine herausragenden technischen Fähigkeiten, ist seine unglaubliche
mentale Stärke. Er hat Nerven aus Drahtseilen, lässt sich nicht aus der Ruhe
bringen, auch wenn der Druck auf ihn teilweise unbeschreiblich groß war, beispielgebend
dafür war mit Sicherheit sein Auftritt in Nürnberg.
Ebenfalls nicht mehr aus dem Team wegzudenken ist Schwergewichtler Ricardo Melz. Er gab dem klassischen Schwergewicht die erhoffte Stabilität. Aus seinen 6 Kämpfen kam er 3x als Sieger von der Matte, aber auch bei seinen 3 Niederlagen sammelte er wichtige 4 Rundensiege ein. Neben der Matte ist er ein wichtiger Antreiber, der alldieweil auch Führungsaufgaben mit übernimmt.
Unglaublich wichtig für das Team war auch die
Rückkehr von Tom Linke. Mit ihm kam ein Stück Flexibilität in das klassische
Mittelgewicht, zumal er Mirco Redmann nach seiner Verletzung zeitweise komplett
ersetzen musste. Er blieb zwar noch ohne Einzelsieg, sammelte aber viele Runden
ein. In jedem Kampf erfüllte er die Erwartungen und Vorgaben. Er war
mitverantwortlich für den Auswärtssieg in Nürnberg und luchste eindrucksvoll
den Topringern Jaworski (Hallbergmoos) und Ponomartschuk (Burghausen) jeweils
zwei Runden ab. Tom ist noch jung, wird vom Team gehegt und gepflegt. Er wird
gefördert, aber punktuell auch gefordert. Ihm fehlen nur noch Nuancen zum
Siegringer.
In die gleiche Kategorie wie Tom gehören die Neuzugänge Rafal Statkiewicz und Norbert Pal, allerdings mit völlig anderen Voraussetzungen. Rafal Statkiewicz ist ein absoluter Heißsporn – ein Hansdampf in allen Gassen. Niederlagen bedeuten für ihn die Apokalypse. Norbert Pal hingegen ist ein ruhiger, besonnener und artiger Analytiker. Niederlagen sind für ihn Systemfehler, die ihre Gründe haben.
Beide sind jung, beide besitzen die ringerischen Voraussetzungen, um in der 1. Bundesliga zu bestehen. Mit beiden wird besonders im taktischen Bereich gearbeitet. Rafal muss lernen mehr taktisch zu ringen, um seine teilweise physischen Nachteile als 19jähriger zu kompensieren. Norbert wird - nach seinem ersten Ligajahr überhaupt - lernen Taktik richtig einzusetzen. Für ihn war es ein Debütjahr mit sehr viel Lerneffekt. Die Arbeit mit beiden macht tollen Spaß, beide sind formbar und besitzen ordentliches Potential.
Das Bundesligateam des SV Luftfahrt steht zur Halbzeit auf einem fantastischen 5. Tabellenrang, der dem Team nun überhaupt nicht zugetraut wurde. Allerdings ist diese Position natürlich nur eine trügerische Momentaufnahme, denn die Leistungsdichte ist so immens hoch, dass auch ein freier Fall auf Platz neun in nur drei Kämpfen durchaus möglich ist. Etwas Genugtuung kann sich das Team erst gönnen, wenn Platz 9 theoretisch nicht mehr möglich ist - wenn es hart auf hart kommt, ist dieser Moment erst am 10. Dezember da.







